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Des Schockwellenreiters Seiten über (Unterhaltungs-) Mathematik

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Mathematikbücher, die Spaß machen

Die Mathematiker sind eine Art Franzosen: redet
man zu ihnen, so übersetzen sie es in ihre
Sprache, und dann ist es alsbald etwas anderes.
(J.W. von Goethe)

Mathematik macht Spaß! Wirklich! Und wer es nicht glaubt, dem kann ab sofort geholfen werden. Hans Magnus Enzensberger hat nämlich ein wunderschönes Mathematikbuch geschrieben. Es heißt »Der Zahlenteufel« und ist im Carl Hanser Verlag in München erschienen und Rotraut Susanne Berner hat es mit vielen witzigen Illustrationen versehen. Es ist ein »Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben«. Eigentlich ein Kinderbuch, aber ich empfehle es allen, denen Lehrer die Freude an der Mathematik ausgetrieben oder schlimmer noch, denen sie Angst vor der Mathematik eingetrichtert haben. Worum geht es? Robert ist so ein Junge, dem sein Lehrer beigebracht hat, Mathematik zu hassen. Doch eines Nachts erscheint ihm ein Zahlenteufel und zeigt, daß Mathematik eben nicht die stumpfsinnige Lösung von Dreisatzaufgaben der Art »Wenn 444 Bäcker in der Stunde 6 Brote backen, wieviel backt dann ein Bäcker in 7 Stunden?« ist, sondern ganz etwas anderes. Etwas das mit Hopszahlen, Prima-Zahlen und Bonatschi-Zahlen zu tun hat. Etwas, das »wumm!« macht (so wird Falkultät erklärt), in dem sich Zahlen etwas einbilden oder unvernünftig sind. Kaugummis werden zu unendlich großen oder zu unendlich kleinen Zahlen, Brezeln sind topologische Objekte und rückwärts hopsend werden Rettiche (Wurzeln) gezogen. Besenkommandos treten auf, Dreieckige Zahlen und Zahlenpyramiden. Hände werden geschüttelt und damit die Kombinatorik erklärt. Und über allen steht die Erkenntnis, daß Mathematik eben nichts mit sturem Auswendiglernen zu tun hat, sondern alles erklärt (bewiesen) werden kann. Der Zahlenteufel besucht Robert jede Nacht im Traum, bis er ihn in das Zahlenparadies einlädt. Aber vorher schafft es Robert, seinen verhaßten Mathematiklehrer im Traum fertigzumachen. Und nach der Nacht im Zahlenparadies ist es dann soweit. Im Wachen stellt sein Mathematiklehrer eine jener blödsinnige Aufgabe, die die Kinder stundenlang beschäftigen und den Lehrern Ruhe bringen soll. Robert jedoch löst sie mit dem, was er vom Zahlenteufel gelernt hat, in wenigen Minuten:

- Ich hab's rief er. Das ist kinderleicht!
- So? sagte Dr. Bockel und ließ seine Zeitung sinken.
- 741, sagte Robert ganz leise.
Es wurde vollkommen still in der Klasse.
- Woher weißt du das? fragte Dr. Bockel.
Ooch, antwortete Robert, das rechnet sich doch fast von selber. Und er griff nach dem kleinen Sternchen unter seinem Hemd und dachte dankbar an seinen Zahlenteufel.

Gabi hatte mir das Buch zum Geburtstag geschenkt und ich habe es begeistert an einem Abend verschlungen. Es behandelt genau die Bereiche der Mathematik, die mich zum Mathematikstudium verführt hatten. Ich sagte es schon: Hans Magnus Enzensberger hat ein wunderschönes Buch geschrieben, das hoffentlich aus vielen Mathematikhassern Mathematikliebhaber macht.

PS: Nach Jahren der Quälerei hatte ich meinen eigenen kleinen Zahlenteufel, der mich vom Mathematikhasser zum Mathematikliebhaber bekehrte: Dr. Hugo Sachs, Mathematiklehrer am Berlin Kolleg, an den ich mich heute noch gerne und dankbar erinnere und dessen Gesicht ich immer in den Abbildungen des Zahlenteufels wiedererkannte.

Hans Magnus Enzensberger: Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben. Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner, München (Carl Hanser Verlag) 1997.


Neben Martin Gardner ist Ian Stewart ein Meister der »vergnüglichen Mathematk«. Er versteht sich in der Kunst, Schwieriges leicht und mit viel Phantasie zu erzählen. Und so hat es mich gefreut, daß im Deutschen Taschenbuch Verlag eine neue Ausgabe mit sechzehn mathematischen Kurzgeschichten von Ian Stewart erschienen ist. Es treten auf: Die Ritter der flachen Torusrunde, der Löwe, das Lama und der Lollo Riesa, und die Gruppentheoretiker von Notre Dame. Es wird über die unendliche Leichtigkeit des Weins philosophiert, über die Thermodynamik der Lockenkurven spekuliert und die optimale Sofa-Ausrüstung für Würmer konstruiert. Nach vielen Goaßn und Obstlern gibt es einen Sixpack für den Baumgott, dann wird die titelgebende Reise nach Pentagonien angetreten und unter dem Evoluskop werden die Zahnräder des Geistes beobachtet. Bei aller Leichtigkeit wird Stewart nie trivial. Weder scheut er Formeln noch Beweise. Und er traut seinen Lesern auch anspruchsvolle Kopfnüsse zu. Und am Schluß jeden Kapitels gibt es Hinweise auf weiterführende Literatur, wobei der Verlag dankenswerterweise für die deutsche Ausgabe diese Hinweise um weitere deutschsprachige Werke ergänzt hat. Im Gegensatz zu dem oben gelobten Buch von Enzensberger ist »Die Reise nach Pentagonien« kein Buch, das man an einem Abend verschlingt. Aber eine der als fantastische Geschichten getarnten Kopfnüsse zu lesen und sich in die daraus folgenden mathematischen Schlüsse zu verlieren, ist keine schlechte Beschäftigung für einen verregneten Sommerabend. Die vielen Abbildungen dienen nicht nur dem besseren Verständnis der Lektüre, sondern sind zudem oft auch noch sehr witzig geraten.

Johannes Leckebusch hat übrigens die sicher nicht leichte Aufgabe übernommen, die absurden Sprachwitze und -spiele des Autors ins Deutsche zu übersetzen. Und er hat diese Aufgabe meisterhaft gelöst.

Ian Stewart: Die Reise nach Pentagonien. 16 mathematische Kurzgeschichten. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Johannes Leckebusch, München (dtv 33014) 1998


Vor Jahren wollte ich schon einmal die beiden Chaos-Bücher des Bremer Wissenschaftlerteams Peitgen, Jürgens und Saupe vorstellen. Doch schien mir der Preis für die gebundene Gemeinschaftsausgabe der Verlage Klett-Cotta und Springer so hoch, daß ich nicht glaubte, daß die Bände außerhalb des Kreises von Mathematiklehrern und Mathematikliebhabern (die Schnittmenge dieser beiden Gruppen ist leider meistens leer, oder wie Mathematiklehrer in ihrer einfachen und deutlichen Sprache sagen: diese Menge ist disjunkt) auf Interesse stoßen würde. Dieses Jahr jedoch sind sie als Taschenbücher (Im Großformat! Es gibt sie endlich, die größten Taschenbücher der Welt!) im Rowohlt-Verlag erschienen. Daher hier meine uneingeschränkte Empfehlung: Wer endlich wissen will, was es mit dem Chaos und dem vielzitierten Schmetterlingseffekt auf sich hat, wer wissen will, welche Mathematik hinter dem Apfelmännchen und der Julia-Menge steckt oder wer vorhat, die Länge der Küste von Britannien zu messen, der muß diese beiden Bände lesen.

Doch Vorsicht! Es ist keine leichte Lektüre. Im Gegensatz zu den vielen (meist schlichten wie schlechten) populärwissenschaftlichen Büchern zur Chaostheorie und der fraktalen Geometrie muten die Autoren dem Leser die gesamte dahinterstehende Mathematik zu. Auch wenn man die grau hinterlegten Vertiefungsthemen ohne Verständnisschwierigkeiten zu bekommen, überlesen kann, auch wenn - wie die Autoren betonen - manche Beweise im Interesse der Verständlichkeit verkürzt oder gar ausgelassen wurden, so verlangt doch der Rest des Buches eine intensive Auseinandersetzung mit der Mathematik. Trotzdem muß man kein Fachmathematiker sein, um die Bände verstehen zu können. Und viele Abbildungen erleichtern das Verständnis.

Dafür wird dann aber auch auf fast 1200 Seiten nichts ausgelassen, was in den letzten Jahren zum Modethema »Chaos« die Spalten von Spiegel über Geo und Stern bis zum Kursbuch füllte. Und wenn der Leser sich durchgeackert hat, wird er sich seine eigenen Gedanken zu »Management bei Chaos« oder die Theorien zur »fraktalen Fabrik« machen können. Er ist dann gebildet (im Besten Sinne des Wortes) genug, um nicht mehr auf jeden Blödsinn hereinzufallen, mit dem die Rattenfänger des Okkulten Modewissenschaften aufgreifen und unters Publikum zu bringen versuchen.

Die beiden reichbebilderten Bände versuchen populär zu sein ohne auf Informationen aus erster Hand zu verzichten, um so eine Brücke zu der Literatur zu schlagen, die normalerweise nur den Fachwissenschaftlern vorbehalten bleibt. Dies ist den Autoren gelungen. Nur die kleinen BASIC-Programme, die das Ende jedes Kapitels zieren, scheinen mir manchmal doch etwas zu trivial geraten.

Heinz-Otto Peitgen, Hartmund Jürgens und Dietmar Saupe: Bausteine des Chaos - Fraktale. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ernst F. Gucker in Zusammenarbeit mit Thomas Eberhardt. Mit 289 Abbildungen und 25 Farbtafeln, Reinbek (Rowohlt) 1998
und
Heinz-Otto Peitgen, Hartmut Jürgens und Dietmar Saupe: Chaos - Bausteine der Ordnung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anna M. Rodenhausen. Mit 366 Abbildungen und 14 Farbtafeln, Reinbek (Rowohlt) 1998


Zuerst erschienen in der Sylvester 1998 - © 1998 by Jörg Kantel, Berlin